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Essstörungen |

Die unterschätzte Gefahr
Der ganz alltägliche Umgang mit dem Essen wird für immer mehr Menschen zu einem Problem. Für die einen wird das Essen zur quälenden Sucht; für andere das Hungern zur scheinbar unkontrollierbaren Notwendigkeit. Der Psychologe spricht hier von Störungen des Ernährungsverhaltens. Gerade auch von den Betroffenen werden die körperlichen und seelischen Folgen dieser Form psychischer Erkrankung oftmals geleugnet oder zumindest unterschätzt. Neben den besonderen psychischen und sozialen Problemen kann es bei Eßstörungen auch zu schweren körperlichen Folgeschäden kommen.
Zwischen Kalorienflut und Mangelernährung
Eßstörungen nehmen nach allen neueren Untersuchungen rapide zu. Immer noch sind es vor allem Frauen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter, die von solchen krankhaften Veränderungen des Ernährungsverhaltens betroffen sind, doch der Anteil der Männer wächst. Besonders stark verbreitet ist die Ess-Brechsucht (Bulimia Nervosa). Hier kommt es oft über Jahre hinweg zu Essanfällen, die von den Betroffenen nicht mehr kontrolliert werden können, so daß sie in kürzester Zeit riesige Mengen an Nahrung zu sich nehmen und wieder erbrechen. Bei der Magersucht (Anorexia Nervosa) kann das Essverhalten ähnlich sein. Überwiegend nehmen jedoch magersüchtige Frauen über lange Zeit keine oder nur extrem wenig Nahrung zu sich, um ihr Gewicht auf ein scheinbares Idealmaß zu reduzieren. Tatsächlich aber kommt es zu gravierenden Gewichtsverlusten und damit zu körperlichen Mangelerscheinungen bis hin zu akut lebensbedrohendem Untergewicht. In Langzeituntersuchungen zeigte sich, daß fast 15% der Magersüchtigen an den Folgen ihrer Erkrankung sterben.
Bei Essanfällen wird in wenigen Stunden nachgeholt, was dem Körper tage- und wochenlang vorenthalten wurde.
Im Kreislauf der Sucht
Trotz der offensichtlichen Unterschiedlichkeit dieser Störungen gibt es zwischen ihnen wichtige Gemeinsamkeiten. Besonders auffällig ist die Tatsache, daß viele der ess-brechsüchtigen Frauen in ihrer Vergangenheit Phasen von Magersucht erlebt haben. Auch werden jeweils ähnlich extreme Methoden der Gewichtsreduktion verwendet, die jedoch in einen fatalen Kreislauf münden. So versuchen beispielsweise Bulimikerinnen, das oft nur vermeintliche Übergewicht durch radikale Diäten zu verringern. Solche Diäten erzeugen ausgeprägte Mangelzustände, die der Körper natürlich unter allen Umständen ausgleichen möchte. Der Wunsch zu essen wird mit der Zeit so Über- mächtig, daß er nicht mehr kontrolliert werden kann. Es kommt zu einem ersten Essanfall, bei welchem in wenigen Stunden nachgeholt wird, was dem Körper tage- und wochenlang vorenthalten wurde. Aus der tiefsitzenden Befürchtung heraus, nach einem solchen Anfall wieder zuzunehmen, wird das Essen willentlich wieder erbrochen und die Diät umso strenger fortgesetzt - mit der Folge, daß der nächste Ess-Brechanfall gleichsam vorprogrammiert ist: Der Kreislauf von Fasten, Ess-Brechanfall und neuerlichem Fasten hat sich geschlossen.
Zudem führt dieser Kreislauf zu Veränderungen des Stoffwechsels, welche die Stimmungslage negativ beeinflussen. Im Verlauf der Störung kann es so zu ausgeprägten Depressionen kommen, die sich jedoch nach einem Essanfall für kurze Zeit wieder verlieren. Damit machen Bulimikerinnen die Erfahrung, daß es ihnen nach einem Ess-Brechanfall gefühlsmäßig besser geht, wodurch der suchtartige Mechanismus der Erkrankung noch verstärkt wird. Bei magersüchtigen Frauen wird der Suchtcharakter besonders deutlich. Neuere Untersuchungen legen sogar die Vermutung nahe, daß Magersüchtige unter dem Einfluß andauernden Fastens vermehrt körpereigene Rauschmittel - sogenannte Endorphine - freisetzen, von denen sie dann abhängig werden. Dies äußert sich in dem Zwang, immer noch weniger zu essen.
Daß vorwiegend Frauen von solchen Essstörungen betroffen sind, liegt nicht zuletzt in dem verzweifelten Bemühen, sich dem gesellschaftlichen Schlankheitsideal anpassen zu wollen. Diesem Druck sind die erkrankten Frauen umso mehr ausgeliefert, als sie oftmals völlig unan- gemessene Vorstellungen von der eigenen Körperform haben. Der Psychologe spricht hier von einer Störung des Körperbildes. Der Eindruck, viel zu dick zu sein, wird dabei weniger durch den Blick in den Spiegel unterstützt. Vielmehr wird er durch das eigene, subjektive Körperempfinden vermittelt, das jedoch - objektiv gesehen - stark verzerrt ist. In der Folge wird der eigene Körper massiv abgelehnt. Die Betroffenen fühlen sich unattraktiv, ziehen sich zurück und verlieren mehr und mehr ihre sozialen Beziehungen. Die zunehmende Vereinsamung wird noch verstärkt durch die depressiven Stimmungen, die mit der Zeit als Folge des krankhaften Ernährungsverhaltens auftreten. Das Denken dreht sich im Kreise und im Mittelpunkt steht das Essen, die nächste Diät und die eigene Figur. Im Verlauf der Erkrankung verfestigen sich zunehmend die unangemessenen Selbsteinschätzungen. Es kommt zu irrationalen Überzeugungen wie etwa: "Nur wenn ich dünn bin, bin ich liebenswert“ oder "Wenn jemand lacht, dann garantiert weil ich so dick bin". Solche irrationalen Gedanken zerstören mit der Zeit das Selbstwertgefühl. Nicht selten treten sogar Geldschwierigkeiten auf, wenn die Sucht nicht mehr selbst finanziert werden kann. Tiefe Schamgefühle, aber auch Angst davor, entdeckt zu werden, führen dazu, daß die Eßstörung selbst oft jahrelang verheimlicht wird.
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Der Teufelskreis bei Essstörungen |
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Bleibt diese Störung unbehandelt, so stellen sich mit der Zeit körperliche Folgeerkrankungen ein. Diese betreffen nicht nur solche Organe, die eng mit der Nahrungsaufnahme zusammenhängen. Bei magersüchtigen Frauen etwa kann es neben Magengeschwüren zu Schädigun- gen der Leber und Nieren kommen. Das für dieses Krankheitsbild typische Ausbleiben der Regel etwa ist eine Folge gravierender Veränderungen im Hormonhaushalt, z. B. bei den Geschlechtshormonen. Bulimikerinnen zeigen u. a. oft Verätzungen der Speiseröhre als Folge des Erbrechens. Zudem stellen sich mit der Zeit Abweichungen im Salzhaushalt des Körpers ein, die lebensgefährlich sein können.
Die psychologische Therapie von Essstörungen
Krankhafte Abweichungen des Ernährungsverhaltens können erfolgreich psychologisch therapiert werden. Bei akuten Zuständen etwa des Ausgehungertseins, wie sie bei extremen Formen der Magersucht vorkommen, ist die Zusammenarbeit zwischen dem Arzt und dem Psychologen unerläßlich. Die fachpsychologische Behandlung berücksichtigt dabei nicht allein die seelischen Ursachen der Essstörung, sondern geht insbesondere auch auf die aufrechterhaltenden Bedingungen der Krankheit ein. Der Kreislauf von Essanfall-Fasten-Essanfall etwa verselbständigt sich mit der Zeit. Damit wird die Essstörung quasi unabhängig von ihren anfänglichen Ursachen. Um den Erfolg zu gewährleisten, sollte die Behandlung dem vielschichtigen Wechselspiel von Denken, Fühlen und Verhalten Rechnung tragen. Entsprechend muß die Therapie die individuellen Gegebenheiten des jeweiligen Patienten berücksichtigen. Aber natürlich gibt es Behandlungselemente, die bei Essstörungen allgemein zur Anwendung kommen.
Große Aufmerksamkeit gilt der Auseinandersetzung mit der eigenen Figur. Das Ziel ist hierbei, auf die negative Bewertung des Körpers einzuwirken und die Akzeptanz der eigenen Figur wiederherzustellen. Dies kann beispielsweise über den Einsatz von Videotechniken geschehen, welche die unrealistische Körperwahrnehmung der Patientinnen verdeutlichen und so Veränderungsprozesse in Gang setzen.
Wer von einer Essstörung betroffen ist. hat oftmals völlig unangemessene Vorstellungen von der eigenen Körperform.
Wichtig ist es ebenfalls, daß die Patienten die eigenen Körpersignale wieder richtig deuten können, da bei Essgestörten die Sensibilität für Hunger- und Sättigungsgefühle aus dem Gleichgewicht geraten ist. Sie fühlen nicht mehr richtig, wann der Magen normalen Hunger oder Sattheit signalisiert. Auch die Fähigkeit, Hunger von Appetit zu unterscheiden, ist in der Regel nur noch schwach oder gar nicht mehr vorhanden. Solche Wahrnehmungen aber sind natürlich von zentraler Bedeutung für die Regulierung der Nahrungsaufnahme. In der Therapie können spezielle Konfrontationsübungen eingesetzt werden, damit die Patientinnen diese Empfindungen wieder angemessen einordnen können.
Desgleichen müssen das oftmals fehlerhafte Wissen über Ernährungsvorgänge korrigiert und irrationale Überzeugungen und überzogene Verallgemeinerungen aufgearbeitet werden. Die emotionalen Schwierigkeiten und Kontaktprobleme können oftmals schon über das Erlernen und Üben neuer sozialer Fertigkeiten weitgehend verringert werden. So werden im Rollenspiel hilfreiche Verhaltensweisen ausprobiert, die dann gemeinsam mit dem Therapeuten in konkreten Alltagssituationen umgesetzt werden. Das sogenannte "Essmanagement" - ein nahezu obligatorischer Teil der Therapie - hilft dem Patienten zusätzlich, wieder ein angemessenes Essverhalten aufzubauen.
Insgesamt führt das integrative Konzept einer psychologischen Behandlung dazu, daß neben den physiologischen Aspekten der emotionale Bereich ebenso in die Therapie eingeht, wie auch der geistige Bereich von Vorstellungen, Urteilen und Einschätzungen. Die anfänglichen Ursachen der Eßstörung werden herausgearbeitet und Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Die Selbstwahrnehmung beim Patienten wird so unterstützt und gefördert, daß er die Kontrolle über sein Ernährungsverhalten wiedererlangt.
Hilfe und Behandlung
So gravierend eine Depression sein kann, es gibt wirksame Behandlungen. Auch Vorbeugung nach einer akuten Depression ist möglich und häufig auch notwendig, um Rückfälle zu vermeiden oder zu lindern. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, eine Depression zu behandeln: Psychotherapie und Medikamente (sogenannte Antidepressiva). Bei schweren und mittelschweren Depressionen ist eine individuell abgestimmte Kombination aus beidem inzwischen der Standard. Dabei arbeiten Facharzt und Psychologe eng zusammen. In leichteren Fällen ist eine Psychotherapie das richtige Mittel.
Schwere Depressionen, oft auch mittelschwere, müssen mit Antidepressive behandelt werden, denn die Erkrankten sind erschöpft und geschwächt. Sie wären am Anfang der Behandlung mit einer Psychotherapie überfordert. Zur Entlastung kann manchmal ein Klinikaufenhatl sinnvoll sein, am besten auf einer Depressionsstation, wo das Personal entsprechend qualifiziert ist. Antidepressive Medikamente machen nicht abhängig.
Die Dauer und die Schwerpunkte der Behandlung hängen vom Einzelfall ab. Am Anfang wird es nur darum gehen, in unterstützenden Gesprächen dem Patienten halt zu geben und ihm zu versichern, daß Heilung möglich ist. Später bietet sich ein Spektrum von Möglichkeiten an: Tages- und Wochenpläne helfen, das Leben wieder zu gestalten. In Rollenspielen läßt sich Selbstbewusstsein üben und man lernt den depressiven Reaktionsneigungen auf die Spur zu kommen: den Schuldgefühlen, dem Schwer-nein-sagen können, der Neigung, aus alltäglichen Enttäuschungen Katastrophen zu machen, den überhöhten Ansprüchen an sich selbst. Der pessimistische, einengende Denkstil, der den betroffenen meist überhaupt nicht bewußt ist, wird deutlich gemacht und reflektiert. Wichtiger Bestandteil einer Psychotherapie bei Depressionen ist außerdem, lebensgeschichtliche Hintergründe, Belastungen und Konflikte aufzuarbeiten und Zusammenhänge zur aktuellen Erkrankung zu verstehen.