Arbeitssucht

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Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie (Leiter: Prof. Dr. med. Dr. phil. Hermann Lang), Medizinische Fakultät, Julius-Maximilians-Universität, Würzburq von Christian Schneider und Karl-Ernst Bühler

 

Als Oates 1971 (10) den Begriff "workaholism" (deutsch: Arbeitssucht) in Anlehnung an das Wort "alcoholism" geprägt hatte, etablierte dieser sich schnell und wurde schon bald in die Umgangssprache auf- genommen. Trotzdem mangelt es in un- serer Gesellschaft noch an dem richtigen Bewusstsein für diese Krankheit. Dies wird durch das Fehlen einer allgemeingültigen Definition für Arbeitssucht noch unterstützt.

 

Ein Fallbeispiel

Herr G., 38 Jahre alt, verheiratet, ein Sohn, ist leitender Angestellter bei einer Beraterfirma. Seit seinem Einstieg in die Firma vor neun Jahren arbeitet er täglich 12 bis 14 Stunden, häufig auch am Wochenende. Seine Frau hat es schon lange aufgegeben, ihn pünktlich zu erwarten, seinen achtjährigen Sohn sieht er oft nur am Wochenende. Hobbies hat er keine, außer dass er versucht, den Garten in Ordnung zu halten. Meistens fehlt ihm dafür jedoch die Zeit. Er selbst sagt von sich, dass die Arbeit ihn erfülle. Daher könne er sich auch kein anderes Leben vorstellen. Außerdem brauche die Firma ihn dringend, da viele seiner Aufgaben nicht de- legiert werden könnten, beziehungsweise keiner da wäre, der sie erledigen könnte. Trotzdem habe er Angst, entlassen zu werden und seine Familie nicht mehr ausreichend versorgen zu können.

 

Definitionen von Arbeitssucht

Ein Arbeitssüchtiger ist ein Mensch, der den unaufhörlichen Drang oder Zwang hat, ständig arbeiten zu müssen. Dieses exzessive Bedürfnis nach Arbeit nimmt ein so hohes Ausmaß an, dass sowohl seine Gesundheit und sein Wohl- befinden, als auch seine privaten Beziehungen beeinträchtigt werden (10). Der Begriff Arbeitssucht bringt somit das unkontrollierte Bedürfnis nach Arbeit mit daraus resultierender hoher Arbeitseinbezogenheit zum Ausdruck und integriert gleichzeitig als zweite Komponente die Folgen des süchtigen Verhaltens.

Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff der Arbeitssucht von Mentzel (7) im Jahre 1979 erstmals verwendet. Auch er vergleicht die Arbeitssucht mit der Alkoholsucht und erkennt viele Parallelen. Insbesondere hält er die langfristigen Folgeerscheinungen für den Süchtigen und seine Umwelt für vergleichbar. Er schafft darüber hinaus ein Konzept, in dem die absolut geleistete Arbeitsmenge des Arbeitssüchtigen gegenüber seiner Einstellung zur Arbeit in den Hintergrundtritt. Bei Ar- beitssucht kann daher, im Gegensatz zu vielen anderen Süchten, nicht aus der Intensität des Missbrauchs auf den Grad der Sucht geschlossen werden. Vielmehr kommt dem Grad der Zwanghaftigkeit neben dem mangelnden Genuss und dem hohen Stellenwert der Arbeit eine zentrale Rolle in der Betrachtung von Arbeitssucht zu.

Im Gegensatz dazu geht das Erklärungsmodell von Machlowitz (6) da- von aus, dass Arbeitssüchtige glücklich und zufrieden und daher auch sehr gesund sind. Darum ist auch der Begriff der "Arbeitssucht" in den Augen dieser Autorin für die Beschreibung dieser Arbeitseinstellung völlig unangebracht. Die Problematik der Arbeitssucht be- steht nicht in der Gefahr für die Betroffenen selbst, sondern vielmehr in den Konsequenzen für deren soziales Umfeld.

Arbeitssucht ist daher auch nicht als ein individuelles, sondern ein die ganze Gesellschaft tangierendes Problem an- zusehen, da sich arbeitssüchtiges Verhalten auch auf Familie, Freunde, Kollegen und Unternehmen auswirkt (4).

 

Ursachen  

Über die Entstehung von Arbeitssucht gibt es bislang nur wenige Erklärungsansätze. Auch ist die Frage, ob Arbeitsucht häufig zu führenden Positionen oder andersherum leitende Stellungen oft zu Arbeitssucht führen, bislang noch ungeklärt (14).

Als prädisponierende Charakterzüge für eine mögliche Entwicklung von Arbeitssucht gelten eine extrem wettbewerbsorientierte Persönlichkeitsstruktur, Siegeswillen und Kontrollbedürfnis. Der Antrieb für außerordentliche Leistungen liegt dann in der Suche nach Er- folg und Anerkennung begründet (17). Auch mangelndes Selbstvertrauen spielt in der Genese von Arbeitssucht eine entscheidende Rolle. Durch das exzessive Arbeiten versucht der Arbeitssüchtige Akzeptanz und Anerkennung zu erlangen. Auf diese Weise will er sein Gefühl der Unzulänglichkeit und seine Versagensängste unterdrücken (12).

Entwicklungspsychologisch liegt daher eine entscheidende Ursache in einem leistungsbetonten Erziehungsstil der Eltern begründet, der Zuneigung eng an erbrachte Leistungen koppelt (8). Genau- so kann die Ursache für Arbeitssucht im Gegensatz dazu aber auch durch mangelnde Zuwendung und Belohnung für Geleistetes bedingt sein, da der Betroffene später immer Lob und Anerkennung durch Vielarbeiten zu erreichen versucht (16).

Der Wunsch nach materiellem Profit hingegen spielt nur eine untergeordnete Rolle (12). Allerdings fördert unsere Leistungsgesellschaft, die von Kindheit an den Wettbewerb fordert, süchtiges Arbeitsverhalten, da sie auf dessen Existenz vermeintlich angewiesen ist (5).

 

Verhalten und Eigenschaften Arbeitssüchtiger

Grundsätzlich weist die Arbeitssucht mit vielen anderen Süchten vergleichbare Verhaltensweisen und Eigenschaften auf. Suchttypische Merkmale bestehen darin, dass sich Identität und Selbstachtung nur aus der geleisteten Arbeit ergeben. Darüber hinaus kommen ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis und Perfektionismus (1) hinzu.

 

 

Einteilung von Arbeitssüchtigen

Nach Machlowitz (6):

-          Einseitige Arbeitssüchtige, die nur ein Interesse haben, nämlich zu arbeiten.

-          Hyperaktive Arbeitssüchtige, die immer mehrere Dinge gleichzeitig verrichten und ihre Hände überall mit "im Spiel" haben.

-          Integrierende Arbeitssüchtige, die viel arbeiten, aber trotzdem noch viele andere Interessen haben, die sie versuchen, in den Beruf zu integrieren.

-          Leidenschaftliche Arbeitssüchtige, die ihre Freizeitaktivitäten mit derselben Leidenschaft verfolgen, wie ihre Arbeit .

 

Nach Fassel (4): 

 

-          Der zwanghafte Arbeiter, der sich ständig zur Arbeit getrieben fühlt, der perfektionistisch arbeitet und der am ehesten dem Klischee eines Arbeitssüchtigen entspricht.

-          Der Arbeiter mit plötzlichen Arbeitsanfällen, der weitestgehend dem zwanghaften Arbeiter gleicht, dessen Kennzeichen der Sucht aber eher Intensität als Beständigkeit ist und der zwischen seinen Arbeitsanfällen einen unauffälligen Arbeitsstil zeigt.

-          Der heimliche Arbeiter, der nach außen hin ein normales Arbeitsverhalten zeigt, aber dafür in unbeobachteten Momenten umso mehr arbeitet.

-          Der chronisch Arbeitsunlustige, der aus Angst zu versagen alle möglichen Vermeidungstaktiken erfindet, um nicht arbeiten zu müssen und somit im Kontrast zu den anderen drei Typen steht.

 

Einige Hauptmerkmale Arbeitssüchtiger (4) sind:

 

-          mangelnde Selbsteinschätzung

-          Außenorientierung

-          Unfähigkeit zu entspannen

-          Verleugnung

-          Zwanghaftigkeit

-          „Mehrfachsucht“

 

Es kann also im Sinne einer Suchtverlagerung auch gleichzeitig zu anderen Abhängigkeiten (zum Beispiel Drogen- und Alkoholsucht) kommen, die eine Möglichkeit darstellen, sich wenigstens zeitweise von der Arbeitssucht zu befreien (15).

Freizeit existiert für Arbeitssüchtige real nicht, da sie mit der ständigen Angst leben, unproduktiv zu sein und die Zeit ungenutzt vergehen zu lassen (6).

Der Arbeitssüchtige ist besessen von rationalem und analytischem Verhalten. Daher hat er eine Vorliebe für erlernbare Handlungen und vermeidet Situationen, in denen es auf andere Fähigkeiten wie Talent, Phantasie und Spontaneität an- kommt (15).

Als weitere Merkmale der Arbeits- sucht nennt Orthaus (11):

-          freiwillige Überstunden

-          Selbstabwertung

-          viele nebenberufliche Aufgaben

-          ständige Angabe von Begründungen für Vielarbeit

-          Rücksichtslosigkeit gegenüber Kollegen

-          Delegationsunfähigkeit

-          Zerstörung privater Beziehungen.

 

Darüber hinaus weisen Arbeitssüchtige neben der großen Arbeitsbelastung und Unzufriedenheit mit ihrer Arbeitssituation, eine Tendenz zu Typ-A-Verhalten und Affinität zu protestantischer Arbeitsethik auf (13).

Typologisierungen

Da es nach Meinung der meisten Autoren den "klassischen" Arbeitssüchtigen nicht gibt, sondern diese Bezeichnung vielmehr für ein Syndrom mit unterschiedlichen Ausprägungen steht, wer- den von ihnen verschiedene Typen differenziert.

Für Naughton (9) stellt Arbeitssucht keine feste Charaktereigenschaft sondern eine veränderbare Einstellung zur Arbeit dar. In seinem Konzept bildet er zwei Dimensionen: "commitment to work" (Arbeit ist Hauptaufgabe und Triebbefriedigung) und "obsession-compulsion" (Arbeitsbesessenheit- Zwanghaftigkeit), die er als Faktoren mit durchgehender Gradeinteilung und somit unterschiedlich starken Ausprägungen bei jedem Menschen auffasst. Beide Typen stellen allerdings keine Gegensätze dar, sondern das Arbeits- verhalten des Einzelnen setzt sich aus beiden Komponenten zusammen.

Um individuelle Arbeitsprofile mittels eines Fragebogens noch genauer be- stimmen zu können, haben Spence und Robbins (18) die drei folgenden voneinander unabhängigen Skalen entwickelt, die verschiedene Arbeitstypen charakterisieren und differenzieren helfen sollen: Arbeitseinbindung, Zwanghaftigkeit und Spaß an der Arbeit.

Der von den Autorinnen entworfene Fragebogen misst nun für jeden Probanden diese drei Skalen. In der Auswertung von 291 Fragebögen zeigte sich, dass es tatsächlich sechs verschiedene Arbeitsprofile gibt:

 

-          Arbeitssüchtiger: hohe Arbeitseinbindung, hohe Zwanghaftigkeit, wenig Spaß

-          Arbeitsenthusiast: hohe Arbeitseinbindung, geringe Zwanghaftigkeit, viel Spaß

-          enthusiastischer Arbeitssüchtiger: hohe Arbeitseinbindung, hohe Zwanghaftigkeit, viel Spaß

-          uneingebundener Arbeiter: niedrige Arbeitseinbindung, geringe Zwanghaftigkeit, wenig Spaß

-          entspannter Arbeiter: niedrige Arbeitseinbindung, geringe Zwanghaftigkeit, viel Spaß

-          desillusionierter Arbeiter: niedrige Arbeitseinbindung, hohe Zwanghaftigkeit, wenig Spaß

Folgen von Arbeitssucht

Bei den Folgen der Arbeitssucht muss zunächst zwischen den Auswirkungen für den Arbeitssüchtigen selbst, sowie denen für die Gesellschaft im Allgemeinen unterschieden werden. Mentzel (7) setzt sich mit den persönlichen Folgen für den Arbeitssüchtigen auseinander. Als früheste Reaktion nennt er psychovegetative und körperliche Störungen (zum Beispiel Erschöpfungsgefühle, Konzentrationsstörungen, Ängste, Herz-Kreislauf -Beschwerden und Kopfschmerzen). Später folgen dann die psychosomatischen Beschwerden, die nach einiger Zeit chronifizieren und zur Leistungsunfähigkeit führen. In jedem Fall ist die Arbeitssucht eine progrediente Erkrankung, die im Extremfall bis zur Selbstzerstörung fortschreitet.

Eine mögliche Folge arbeitssüchtigen Verhaltens stellt auch das Burnout-Syndrom dar, worunter man einen Verbrauch physischer und psychischer Ressourcen nach einer Phase intensiver Anstrengung und Bemühung versteht. Typische Symptome des manifesten Burnout-Syndroms sind Frustration, Hilflosigkeit, Unzufriedenheit, Erschöpfung und Ineffizienz. Dazu kommt ein starker Interessenverlust an dem zuvor übertrieben ausgeführten Vorgang. In der Folge kann es zu Depressionen, psychosomatischen Symptomen und Suchterscheinungen kommen (3). Darüber hinaus kommt es in der Folge von Arbeitssucht neben der individuellen Symptomatik zusätzlich zu gesellschaftlichen Folgen. Das Suchtverhalten mit Merkmalen wie beispielsweise Delegationsunfähigkeit, Zwanghaftigkeit, Unflexibilität, führt zu einer geringeren Produktivität der Arbeitssüchtigen, als sie aufgrund der Arbeitszeit an- zunehmen wäre (2). Dabei wird aber nicht nur den Unternehmen geschadet, da selbst das exzessive Vielarbeiten die Schäden längst nicht kompensieren kann, sondern es entstehen auch enorm hohe volkswirtschaftliche Kosten durch Folgekrankheiten der Arbeitssucht.

Therapieansätze

Problematisch bei der Therapie von Arbeitssucht ist zunächst die eigentliche therapeutische Zielsetzung, die, im Gegensatz etwa zur Alkoholsucht, nicht in der totalen Abstinenz, sondern im richtigen Verhältnis von Arbeit zu Freizeit liegt (7).

Trotzdem basiert das Therapieschema der "Anonymen Arbeitssüchtigen" auf dem Zwölf-Punkte-Programm der "Anonymen Alkoholiker", wobei das Wort "Alkohol" durch "Arbeit" ersetzt wird. Im Vordergrund stehen daher auch Meditation, seelische Ausgewogenheit und bessere Tageseinteilung, unterstützt durch regelmäßige Teilnahme an Selbsthilfegruppen (1).

Auch Orthaus empfiehlt, dass Arbeitssüchtige ihr Arbeitsverhalten mittels fremder Hilfe genauer analysieren sollen. Daraufhin soll ein detaillierter Zeitplan erstellt werden, der den Tagesablauf -und insbesondere Pausen und Freizeit  genau regelt, bis der Betroffene wieder selber ein Gefühl für einen "normalen" Tagesablauf entwickelt (11 ).

Häufig besteht auch Anlass zu einer Familientherapie, bei der auch Ratschläge an die im unmittelbaren Umfeld betroffenen Personen im Umgang mit dem Arbeitssüchtigen gegeben werden sollen. So soll die Familie den Arbeitssüchtigen für nicht mit der Arbeit in Zusammenhang stehende Aktivitäten belohnen, um so langfristig eine Änderung des Arbeitsmusters zu ermöglichen (17). Der Arbeitssüchtige soll so lernen, andere Prioritäten zu setzen, wobei im Vorder- grund das Knüpfen sozialer Kontakte und das Suchen neuer Hobbies steht (5).

 

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet  www.aerzteblatt.de  erhältlich ist.

Anschrift für die Verfasser: Priv.-Doz. Dr. med. habil. Dipl.-Psychol. Karl-Ernst Bühler      Haafstraße 12  97082 Würzburg